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Manchmal beginnt eine berufliche Reise nicht mit einer fertig eingerichteten Praxis, einem großen Behandlungsraum und einem perfekten Konzept.
Manchmal beginnt sie viel einfacher: mit einer Behandlungstasche, einem Auto und dem ersten Hausbesuch.
Genau so habe ich als Tierheilpraktikerin angefangen.
Ich hatte zunächst keine eigene Praxis. Das war ganz bewusst so. Ich wollte meine Kosten gering halten und nicht direkt Geld in Praxisräume, Einrichtung und laufende Fixkosten investieren. Pferde habe ich ohnehin im Stall behandelt, und bei Hunden und Katzen entschied ich mich dafür, direkt zu den Menschen nach Hause zu fahren.
Was damals vor allem eine praktische Entscheidung war, wurde rückblickend zu einer der wertvollsten Erfahrungen meiner Anfangszeit.
Denn Hausbesuche haben meinen Blick auf Tiere, ihre Menschen und ihre Lebensumstände entscheidend geprägt.

Inhalte

Warum Hausbesuche für mich der perfekte Einstieg waren

Wenn Du Deine Praxistätigkeit gerade erst beginnst, stellst Du Dir vielleicht ähnliche Fragen:

Brauche ich sofort eine eigene Praxis?

Wie groß muss sie sein?

Welche Ausstattung benötige ich?

Wie viele Patienten brauche ich, damit sich die Räume überhaupt rechnen?

Genau diese Gedanken hatte ich damals auch.

Hausbesuche waren für mich die ideale Lösung. Ich konnte anfangen, ohne mich direkt mit hohen monatlichen Kosten zu belasten. Gleichzeitig sammelte ich praktische Erfahrung und lernte sehr unterschiedliche Patienten kennen.

Und ich merkte schnell, dass Hausbesuche noch einen anderen großen Vorteil haben:

Du siehst ein Tier dort, wo es wirklich lebt.

Ein Tier zeigt sich zu Hause oft ganz anders

In einer fremden Praxisumgebung verhalten sich viele Tiere anders als zu Hause.

Ein Hund, der im eigenen Wohnzimmer ruhig auf seiner Decke liegt, kann in einer Praxis angespannt oder unruhig sein. Manche Tiere ziehen sich zurück, andere sind besonders aufmerksam und wieder andere wirken beinahe wie eingefroren.

Bei meinen Hausbesuchen war das häufig ganz anders.

Ich setzte mich einfach mit auf den Fußboden.

Wenn der Hund in seinem Körbchen bleiben wollte, blieb er dort.

Ich arbeitete mit Akupunktur oder Laserakupunktur und versuchte, die Behandlung möglichst ruhig in die Situation zu integrieren.

Viele Hunde blieben währenddessen ganz entspannt liegen.

Manchmal war es sogar so, dass ich am Ende zu den Besitzern sagte:

„Bleiben Sie einfach sitzen. Ich schleiche mich ganz leise raus.“

Dann packte ich meine Sachen ein, ging zur Tür und fuhr zum nächsten Patienten.

Diese ruhigen Situationen sind mir bis heute in Erinnerung geblieben.

Nicht, weil daraus pauschale Aussagen über Wirkungen oder Behandlungserfolge abgeleitet werden könnten, sondern weil ich gesehen habe, wie angenehm es für manche Tiere sein kann, in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben.

Das Zuhause erzählt Dir viel über Deinen Patienten

Ein weiterer Punkt wurde mir mit der Zeit immer wichtiger.

Bei einem Hausbesuch siehst Du Dinge, die Dir in einer Praxis möglicherweise verborgen bleiben.

Wo schläft der Hund?

Hat er weiche Liegeplätze?

Wie bewegt er sich durch das Haus?

Muss er regelmäßig Treppen laufen?

Wie verhält er sich, wenn niemand aktiv etwas von ihm möchte?

Wie ruhig oder lebhaft ist der Haushalt?

Wie gehen die Menschen mit dem Tier um?

Gibt es Rückzugsmöglichkeiten?

Natürlich ersetzt keine dieser Beobachtungen eine fundierte Anamnese oder diagnostische Abklärung.

Aber sie können wertvolle zusätzliche Informationen liefern.

Gerade wenn Du ganzheitlich arbeitest, lohnt es sich, das Umfeld des Tieres mit einzubeziehen.

Und genau das hat mich an der Traditionellen Chinesischen Medizin von Anfang an so fasziniert.

TCVM bedeutet für mich, das ganze Tier zu betrachten

In der TCVM betrachten wir nicht ausschließlich ein einzelnes Symptom.

Wir versuchen, verschiedene Beobachtungen zusammenzuführen.

Wie verhält sich das Tier?

Wie bewegt es sich?

Wie ist sein Allgemeinzustand?

Wie reagiert es auf Wärme und Kälte?

Welche Veränderungen gab es im Laufe der Zeit?

Was zeigen Anamnese, Zunge und Puls?

Welche tierärztlichen Diagnosen liegen vor?

Welche weiteren Faktoren spielen möglicherweise eine Rolle?

Keiner dieser Punkte steht für sich allein.

Es geht darum, ein möglichst umfassendes Gesamtbild zu entwickeln.

Genau deshalb waren Hausbesuche für mich eine so gute Schule.

Ich habe gelernt, sehr genau hinzusehen.

Nicht nur auf das offensichtliche Problem, sondern auch auf all die kleinen Dinge drumherum.

Gerade ältere Menschen haben Hausbesuche sehr geschätzt

Ein großer Teil meiner damaligen Patienten waren ältere Hunde.

Und auch viele ihrer Menschen waren bereits älter.

Manche hatten keinen Führerschein.

Andere hatten kein Auto mehr.

Bei manchen war der Partner verstorben und die Mobilität war stark eingeschränkt.

Und gleichzeitig hatten sie Hunde, die selbst nicht mehr gut ins Auto einsteigen konnten oder längere Fahrten nicht besonders angenehm fanden.

Für diese Menschen war es eine große Erleichterung, wenn ich direkt ins Haus kam.

Das hat mich damals sehr berührt.

Denn ich merkte, dass ein Hausbesuch manchmal weit mehr war als nur eine praktische Form der Behandlung.

Er machte es überhaupt erst möglich, dass diese Menschen mit ihrem Tier Unterstützung in Anspruch nehmen konnten.

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Eine Empfehlung und plötzlich behandelte ich die ganze Nachbarschaft

An eine Geschichte erinnere ich mich besonders gut.

Ich wurde zu einem älteren Ehepaar gerufen, das einen Hund mit Vestibularsyndrom hatte.

Die Situation war für die Besitzer belastend und sie suchten nach zusätzlicher Begleitung.

Ich begann, den Hund im Rahmen meiner therapeutischen Möglichkeiten zu betreuen.

Die Besitzer waren mit der Entwicklung sehr zufrieden und empfahlen mich weiter.

Und plötzlich ging es ganz schnell.

Ein Nachbar meldete sich.

Dann der nächste.

Dann noch jemand aus derselben Straße.

Irgendwann hatte ich gefühlt die halbe Nachbarschaft als Patienten.

Viele dieser Hunde waren älter und hatten Beschwerden rund um den Bewegungsapparat oder andere geriatrische Themen.

Für mich war das damals eine ganz wichtige Erfahrung, denn ich sah, wie stark persönliche Empfehlungen eine Praxis aufbauen können.

Ich begann meine Termine so zu organisieren, dass ich an bestimmten Tagen gezielt in dieses Viertel nach Bremerhaven fuhr und mehrere Patienten hintereinander behandelte.

Teilweise konnte ich fast von Haus zu Haus gehen.

Das sparte Zeit und machte die Hausbesuche deutlich besser planbar.

Hausbesuche brauchen trotzdem Struktur

So schön Hausbesuche sind, irgendwann merkst Du natürlich auch die Grenzen.

Wenn die Fahrtzeit zwischen zwei Patienten länger ist als die eigentliche Behandlung, wird das auf Dauer schwierig.

Deshalb würde ich Dir empfehlen, von Anfang an etwas Struktur in Deine Touren zu bringen.

Du kannst beispielsweise bestimmte Regionen an bestimmten Tagen anbieten oder mehrere Patienten aus einem Gebiet hintereinander einplanen.

Auch Fahrtkosten, Behandlungsdauer, Dokumentation und Vor- und Nachbereitung solltest Du realistisch kalkulieren.

Denn eine erfüllende Arbeit muss langfristig auch wirtschaftlich tragfähig sein.

Und ja – Kaffee und Kuchen gehörten manchmal dazu

Was ich an dieser Zeit ebenfalls sehr geliebt habe, war die persönliche Atmosphäre.

Gerade bei älteren Menschen stand häufig schon Kaffee auf dem Tisch.

Und manchmal gab es Kuchen dazu.

Mit der Zeit wurde ich bei einigen Familien beinahe ein kleiner Teil des Alltags.

Ich begleitete die Hunde über Jahre.

Ich wusste, wie es ihnen seit dem letzten Besuch ergangen war.

Ich kannte die Sorgen der Besitzer.

Und natürlich erlebte ich auch Abschiede.

Viele meiner damaligen Patienten waren bereits älter und starben irgendwann im Laufe der Jahre.

Das gehört zu diesem Beruf dazu.

Und genau diese langfristige Begleitung hat mir gezeigt, wie besonders unsere Arbeit sein kann.

Wenn der nächste Hund einzog, wurde ich oft wieder gerufen

Manchmal kam nach dem Verlust eines alten Hundes irgendwann ein neuer, junger Hund in die Familie.

Und dann bekam ich erneut einen Anruf.

Sinngemäß hieß es:

„Können Sie sich den jungen Hund auch einmal anschauen? Wir möchten von Anfang an gut auf ihn achten.“

Das hat mich immer sehr gefreut.

Natürlich kann keine Methode garantieren, dass ein Tier gesund bleibt.

Aber ein aufmerksamer Umgang, eine gute Beobachtung, passende Bewegung, Fütterung und regelmäßige tierärztliche Kontrollen sind wichtige Bausteine der Gesundheitsvorsorge.

Auch in der TCVM spielt der Gedanke der Prophylaxe traditionell eine bedeutende Rolle.

Für mich heißt das vor allem:

Nicht erst dann genau hinzuschauen, wenn ein Problem bereits sehr deutlich geworden ist.

Nach ungefähr fünf Jahren kam die eigene Praxis

So sehr ich die Hausbesuche mochte, irgendwann wurde die Fahrerei zu viel.

Meine Patientenzahl nahm zu und ich verbrachte einen großen Teil meiner Zeit im Auto.

Ich merkte:

Jetzt brauche ich eine andere Struktur.

Nach ungefähr fünf Jahren entschied ich mich deshalb für eine stationäre Praxis.

Aber auch dort wollte ich nicht plötzlich alles anders machen.

Ich hatte durch die Hausbesuche gelernt, wie wichtig Ruhe und Zeit sein können.

Deshalb wählte ich meine Praxis bewusst großzügig.

Die Tiere sollten sich bewegen dürfen.

Sie sollten erst einmal ankommen.

Sie sollten den Raum kennenlernen, bevor ich etwas von ihnen wollte.

Hunde und Katzen durften erst einmal die Praxis erkunden

Ich setzte mich häufig zunächst an meinen Schreibtisch und begann mit der Anamnese.

Währenddessen durfte der Hund sich frei bewegen und die Praxis kennenlernen.

Bei Katzen stellten wir den Transportkorb auf den Boden, öffneten die Tür und ließen ihnen Zeit.

Die Katze durfte selbst entscheiden, wann sie herauskommen wollte.

Und manche Katzen waren erstaunlich schnell sehr neugierig.

Ich erinnere mich an viele Situationen, in denen ich meine Anamnese schrieb und die Katze gleichzeitig auf meinem Schreibtisch saß und mit meinem Stift spielte.

Genau das war die Atmosphäre, die ich wollte.

So wenig unnötigen Druck wie möglich.

Natürlich funktioniert das nicht bei jedem Tier gleich und Sicherheit geht immer vor.

Aber diese Grundhaltung ist mir bis heute wichtig.

Was ich aus diesen ersten Jahren gelernt habe

Wenn ich heute zurückblicke, waren diese Jahre unglaublich wichtig für meine Entwicklung.

Ich habe nicht nur gelernt, Akupunkturpunkte zu setzen oder therapeutische Methoden anzuwenden.

Ich habe gelernt, zuzuhören.

Ich habe gelernt, Tiere zu beobachten.

Ich habe gelernt, Menschen mitzunehmen.

Und ich habe gelernt, dass Erfahrung nicht dadurch entsteht, dass man jede Antwort sofort kennt.

Erfahrung entsteht dadurch, dass man viele Tiere sieht.

Unterschiedliche Tiere.

Mit unterschiedlichen Geschichten.

Mit unterschiedlichen Symptomen.

Und manchmal auch mit Fällen, bei denen zunächst gar nichts eindeutig erscheint.

Genau dann beginnt man, wirklich zu lernen.

Mein Tipp für Deinen eigenen Start

Wenn Du gerade am Anfang Deiner Praxistätigkeit stehst, musst Du nicht sofort alles perfekt haben.

Du brauchst nicht am ersten Tag eine große Praxis.

Du brauchst nicht die teuerste Ausstattung.

Und Du musst auch nicht so tun, als hättest Du bereits jahrzehntelange Berufserfahrung.

Du darfst anfangen.

Du darfst Erfahrungen sammeln.

Du darfst Deine eigenen Abläufe entwickeln.

Und Du darfst herausfinden, wie Du arbeiten möchtest.

Hausbesuche können dafür eine wunderbare Möglichkeit sein.

Sie geben Dir viel Praxiserfahrung, halten die Fixkosten zunächst überschaubar und zeigen Dir Tiere in einem Umfeld, das Dir viele zusätzliche Beobachtungen ermöglicht.

Ich würde diesen Weg jederzeit wieder so gehen.

Mein Anfang mit der TCVM – im Video

Wenn Du noch tiefer in meine persönliche Geschichte eintauchen möchtest, dann schau Dir auch mein YouTube-Video „Mein Anfang mit der TCVM“ an.

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Tina Doxtader

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