Manchmal steht ein Tier vor Dir – und Du spürst sofort: Das ist kein „schneller Fall“. Da ist eine Geschichte dahinter. Vielleicht Monate, vielleicht Jahre. Viele Versuche, viele Hoffnungen, vielleicht auch Enttäuschung. Genau hier beginnt die Arbeit eines TCVM-Therapeuten nicht mit einer Nadel, nicht mit einem Laser und auch nicht mit einer Empfehlung. Sie beginnt mit Zuhören. Mit Fragen. Mit echter Aufmerksamkeit.
Die Anamnese in der Traditionellen Chinesischen Medizin für Tiere ist kein Formular, das man abhakt. Sie ist der Schlüssel zur ganzen Behandlung.
Inhalte
Warum die Anamnese in der TCVM so entscheidend ist
In der TCVM behandeln wir keine isolierten Symptome. Wir betrachten das Tier als Ganzes – mit seinem Körper, seinem Verhalten, seiner Geschichte, seiner Umwelt. Genau deshalb ist die Anamnese so umfangreich. Und ja, sie darf Zeit kosten.
Gerade bei chronischen Erkrankungen ist sie unverzichtbar. Viele dieser Tiere haben bereits eine lange therapeutische Reise hinter sich. Verschiedene Behandlungen, unterschiedliche Ansätze – oft ohne nachhaltigen Erfolg. Wenn Du hier als Therapeut wirklich helfen möchtest, brauchst Du ein vollständiges Bild. Alles andere wäre ein Raten.
Der erste Schritt: Die ausführliche Befragung
Am Anfang steht immer das Gespräch. Und das ist deutlich mehr als die Frage: „Was hat das Tier?“
Ich arbeite mit einem sehr umfangreichen Anamnesebogen. Allein die erste Seite zeigt schon, wie tief wir hier einsteigen. Von Kopf bis Fuß wird gefragt, gesammelt, notiert. Das Ziel ist klar: Ich möchte den Patienten verstehen.
Natürlich geht es zunächst um die offensichtlichen Dinge:
Welche Beschwerden liegen vor?
Handelt es sich um eine akute oder chronische Problematik?
Welche tierärztliche Diagnose gibt es?
Welche Behandlungen wurden bereits durchgeführt?
Doch mindestens genauso wichtig ist eine andere Frage:
Was wünscht sich der Besitzer eigentlich?
Gerade beim Pferd erlebe ich das immer wieder. Vielleicht liegt ein Sommerekzem vor, aber der Besitzer möchte gar nicht primär das Ekzem behandeln lassen. Vielleicht geht es ihm um die Rittigkeit, um mehr Losgelassenheit, um flüssigere Bewegungen. Dieser Behandlungswunsch gehört zwingend in die Anamnese – denn er beeinflusst den gesamten therapeutischen Weg.
Warum diese Befragung auch eine Stunde dauern darf
Eine gute TCVM-Anamnese braucht Zeit. Punkt.
In komplexen Fällen sitze ich nicht selten eine Stunde mit dem Besitzer zusammen. Und das ist gut so. Denn hier entscheidet sich, ob die Therapie später wirklich greift oder nicht.
Ich frage nach:
Fütterung
Haltung
Verhalten
Emotionale Auffälligkeiten
Wärme- oder Kälteverhalten
Schlafverhalten
Kot- und Urinbeschaffenheit
Reaktionen auf Wetter, Stress oder Training
All diese Informationen sind keine Nebensächlichkeiten. Sie sind Bausteine. Und erst wenn sie zusammengefügt werden, entsteht ein klares Bild.
Die Zungendiagnostik – eine Landkarte des Körpers
Ein fester Bestandteil der TCVM-Anamnese ist die Zungendiagnostik. Die Zunge ist für uns wie eine Landkarte des gesamten Organismus.
Zungenspitze: Herz und Lunge
Zungenmitte: Milz und Magen, also die Verdauung
Zungenwurzel: Niere, Blase und die Fortpflanzungsorgane
Was beurteilen wir an der Zunge?
Farbe (blass, rosa, rot)
Feuchtigkeit
Belag
Risse
Schwellungen
Lokale Farbveränderungen
Ein Beispiel aus der Praxis:
Eine Zunge wirkt insgesamt relativ normal gefärbt, zeigt aber viele feine Risse und ist sehr trocken, nahezu belaglos. Zusätzlich geht sie leicht ins Rötliche, das Tier hechelt viel.
Diese Zeichen deuten auf einen Mangel an Befeuchtung und Kühlung hin – in der TCVM sprechen wir hier von einem Yin-Mangel. Ist die Zungenspitze zusätzlich dunkler, kann das auf Hitze im Herzbereich hinweisen.
Die Zunge liefert keine Diagnose im schulmedizinischen Sinn – aber sie gibt uns wertvolle Hinweise auf innere Prozesse.
Pulsdiagnostik – das Herzstück der TCVM-Diagnose
Die Pulsdiagnostik ist eines der faszinierendsten Werkzeuge der TCVM. Über den Puls können wir den energetischen Zustand der zwölf Organe beurteilen: Lunge, Herz, Milz, Magen, Leber, Niere, Blase und weitere.
Darüber hinaus gibt der Puls Auskunft über:
Qi und Blut
Fülle oder Leere
Hitze oder Kälte
den Zustand der außerordentlichen Gefäße wie Lenkergefäß, Konzeptionsgefäß oder Gürtelgefäß
Wenn Du die Pulsdiagnostik wirklich beherrschst, brauchst Du theoretisch kaum mehr als Deine Finger. Der Puls erzählt Dir, was im Inneren des Tieres geschieht. Zum Beispiel:
ein Lungen-Qi-Mangel
kombiniert mit einer Leber-Qi-Stagnation
und einer Schwäche der Niere
Das ist hochpräzise, aber auch anspruchsvoll. Deshalb ist die Pulsdiagnostik kein Bestandteil eines Basiskurses, sondern Teil fortgeschrittener Therapeuten-Ausbildungen.
Palpation: Wenn der Körper spricht
Ein weiterer wichtiger Baustein der Anamnese ist die Palpation. Bestimmte diagnostische Punkte können druckempfindlich oder schmerzhaft sein.
Ein klassisches Beispiel: Ein Punkt im Nackenbereich kann auf Genick- oder Nackenprobleme hinweisen. Derselbe Punkt kann aber auch eine Verbindung zum Knie haben – denn in der TCVM denken wir immer in Meridianzusammenhängen.
Ein schmerzhafter Punkt kann bedeuten:
ein lokales Problem
eine Störung auf dem zugehörigen Meridian
oder ein organisches Ungleichgewicht
Im gesamten Untersuchungsgang palpiere ich mehrere hundert diagnostische Punkte. Das klingt viel – geht aber erstaunlich schnell. In fünf bis zehn Minuten ist ein geübter Therapeut damit durch. Auch das ist Teil einer fundierten Ausbildung.
Vom Sammeln zur Diagnose: Das Disharmoniemuster
Erst jetzt – und wirklich erst jetzt – entscheidet der Therapeut über das Therapieverfahren. Nicht vorher.
Mögliche Ansätze sind unter anderem:
Akupressur (auch zur Anleitung für den Besitzer)
Akupunktur
schmerzfreie Laserakupunktur
TuiNa
Fütterungsempfehlungen
Anpassung der Haltungsbedingungen
Empfehlungen zur Lebensführung, Stressreduktion oder Umweltveränderung
chinesische Vitalpilze
chinesische Arzneimittel oder Fertigrezepturen
Welche Methode gewählt wird, hängt vom Tier und vom Disharmoniemuster ab.
Was Tierbesitzer selbst lernen können
Für viele Tierhalter ist der Einstieg über die Akupressur ideal. Sie ist sicher, alltagstauglich und wirkungsvoll. Auch Laserakupunktur lässt sich sehr gut in diesen Bereich integrieren, da Akupunkturpunkte ebenso mit dem Laser stimuliert werden können.
Ergänzend kommen einfache TuiNa-Griffe, Fütterungsanpassungen und Veränderungen in der Lebensführung hinzu. Das sind Maßnahmen, die Besitzer selbst umsetzen können – wenn sie wissen, worauf es ankommt.
Alles Weitere – wie Nadelakupunktur, komplexe Rezepturen oder differenzierte Vitalpilztherapie – gehört in die Hände gut ausgebildeter Therapeuten und wird in entsprechenden Fachausbildungen vermittelt.
Ein ehrlicher Ausblick in die therapeutische Arbeit
Die TCVM-Anamnese ist anspruchsvoll. Sie verlangt Wissen, Erfahrung, Zeit und echtes Interesse am Tier. Doch genau darin liegt ihre Stärke.
Sie ermöglicht es, Zusammenhänge zu erkennen, wo andere nur Symptome sehen. Sie eröffnet Wege, wo zuvor Stillstand war. Und sie bildet die Grundlage für eine Therapie, die individuell, durchdacht und respektvoll ist.
Das ist kein schneller Weg. Aber es ist ein sinnvoller.
Mein YouTube-Video zur TCVM-Anamnese
Wenn Du diesen gesamten Ablauf noch einmal anschaulich erklärt bekommen möchtest, dann empfehle ich Dir mein YouTube-Video:
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