Manchmal stehst Du vor einem Tier – und weißt ganz genau: Heute wolltest Du eigentlich in die Tiefe gehen. Die Wurzel behandeln. Das Jing stärken. Und dann zeigt Dir der Körper etwas ganz anderes.
So ging es mir bei diesem Fall.
Ich nehme Dich mit zu meinem eigenen Pferd Bubi. Ein 13-jähriger Quarterhorse-Wallach. Ein unglaublich sanftes, feinfühliges Pferd. Und gleichzeitig ein Patient mit einer langen Geschichte.
Inhalte
Die Ausgangssituation: Ein Pferd mit chronischer Belastung
Bubi leidet seit seinem zweiten Lebensjahr an Equinem Asthma. Bereits in jungen Jahren hatte er beidseitige Kniegelenksarthrosen durch Gelenkchips, die operativ entfernt wurden.
Das bedeutet aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin ganz klar:
Hier liegt ein Nieren-Essenz-Mangel vor. Ein Jing-Mangel. Und das schon sehr früh im Leben.
Wenn Erkrankungen so zeitig beginnen, wenn Gelenke bereits im Wachstum betroffen sind und chronische Atemprobleme bestehen, dann sprechen wir nicht von einer oberflächlichen Störung. Dann betrifft es die Tiefe. Die Substanz. Die Essenz.
Mein ursprünglicher Plan an diesem Behandlungstag war daher eindeutig:
Ich wollte die Wurzel behandeln. Den Jing-Mangel. Die Nieren stärken.
Doch als ich in die Diagnostik einstieg, zeigte sich ein anderes Bild.
Pulsdiagnose – Ein Hinweis auf Qi-Mangel und Feuchtigkeit
Wie immer beginne ich mit der Pulsdiagnose. Ich taste die verschiedenen Organtaststellen in Ruhe ab.
Bubi zeigte einen schwachen, abdrückbaren Puls. Das spricht für einen Qi-Mangel. Der Körper hat zu wenig Kraft, um Spannung zu halten.
An der Milz-Taststelle war der Puls zudem schlüpfrig. Ein klassischer Hinweis auf Feuchtigkeit.
Was bedeutet das?
Die Milz ist in der TCVM verantwortlich für Transformation und Transport. Sie wandelt Futter in Qi um und leitet Feuchtigkeit aus. Wenn das Milz-Qi geschwächt ist, entsteht Feuchtigkeit. Diese sammelt sich. Sie blockiert. Sie beschwert.
Und genau das zeigte Bubi:
feuchtes Maul
schlüpfriger Puls
allgemeine Schwäche
Er benötigt also Qi. Und vor allem ein starkes Milz-Qi, um Feuchtigkeit umzuwandeln.
Zungendiagnose – Gedunsen, feucht, mit Zahnabdrücken
Die Zungendiagnose beim Pferd ist manchmal eine kleine Kunst für sich. Du musst schnell sein. Gute Beleuchtung haben. Und gleichzeitig ruhig und respektvoll bleiben.
Ich arbeite nie radikal. Ich öffne das Maul vorsichtig, warte auf einen günstigen Moment und werfe einen schnellen Blick.
Bubis Zunge war:
blass rosarot, pfirsichfarben
ohne Belag
deutlich feucht
mit Zahnabdrücken an den Rändern
leicht gedunsen und aufgequollen
Gerade im Winter sind Zungen oft etwas heller – Kälte wirkt zusammenziehend. Das ist physiologisch. Doch die Zahnabdrücke sprechen für eine Milz-Qi-Schwäche. Die Zunge ist zu weich, zu geschwollen und drückt gegen die Zähne.
Feuchtigkeit und Milz-Schwäche bestätigten sich also.
Theoretisch wäre mein Behandlungsschema nun klar gewesen:
Milz tonisieren. Qi aufbauen. Feuchtigkeit transformieren.
Aber dann kam die Palpation.
Palpation – Wenn Stagnation alles überlagert
Ich beginne meine Palpation meist auf der linken Seite. Ich arbeite mich systematisch durch diagnostische Punkte, teile das Pferd in Zonen ein – vom Kiefer über den Hals, den Rücken, bis zur Hinterhand.
Schon früh zeigte sich:
Druckdolenz im Bereich des fünften Halswirbels
deutliche Reaktion am Blase 27 (Zustimmungspunkt des Dünndarms)
Reaktionen entlang des Blasenmeridians
Verspannungen in der Lendenregion
reaktives Gürtelgefäß auf einer Seite
Besonders auffällig war Blase 27 – der Zustimmungspunkt des Dünndarms. Hier kann sowohl der Dünndarm-Funktionskreis betroffen sein als auch der sakrale Bereich.
Auf dem Blasenmeridian reagierten mehrere Segmente, unter anderem:
Blase 15
Blase 18
Blase 19
Auch der äußere Ast zeigte Reaktionen – was häufig mit Emotionalität oder innerer Unruhe korreliert.
Und die Lendenpartie war insgesamt deutlich verspannt.
Hier wurde klar:
Über der Wurzel lag eine massive Stagnation.
Warum ich in diesem Fall nicht die Wurzel behandelte
Wir hatten Winter. Schnee. Eis. Sehr kaltes Wetter.
Kälte führt zu Kontraktion. Sie blockiert Qi und Blut. Sie begünstigt Stagnation.
Wenn ich eine Wurzeltherapie beginne, während darüber massive Stagnationen liegen, erreiche ich die Tiefe nicht. Es ist, als würdest Du versuchen, Wasser in einen verstopften Schlauch zu leiten.
Deshalb gilt ein wichtiger Grundsatz in der TCVM:
Erst öffnen. Dann tonisieren.
Also entschied ich mich bewusst gegen die Wurzeltherapie an diesem Tag – und für die Beseitigung der Blockaden.
Tingpunkte – Schlüssel zum tendinomuskulären Verlauf
Bei der Untersuchung der Tingpunkte zeigte sich:
Herz 9 rechts deutlich eingedellt (Schwäche)
Dünndarm 1 links ebenfalls eingedellt
Ein eingedellter Tingpunkt weist auf einen energetischen Mangel im tendinomuskulären Verlauf hin.
Ich begann mit Herz 9.
Warum?
Der tendinomuskuläre Verlauf des Herzmeridians zieht:
über das Fesselgelenk
entlang der Beugesehnen
über den Ellenbogen
Richtung Bauchnabel
bis ins Zwerchfell
Und genau hier liegt ein entscheidender Zusammenhang:
Das Zwerchfell spielt bei equinem Asthma eine enorme Rolle.
Durch das Öffnen des tendinomuskulären Verlaufs kann muskuläre Spannung im Zwerchfell gelöst werden.
Nach der Nadelung von Herz 9 überprüfte ich erneut Blase 15 – die Reaktion war deutlich reduziert.
Doch die Stagnation entlang Blase 18 blieb.
Blase 18 – Der Zusammenhang zur Leber
Blase 18 ist der Zustimmungspunkt der Leber.
Die Leber steuert in der TCVM Sehnen und Muskeln. Sie sorgt für freien Qi-Fluss. Wenn Leber-Qi stagniert, entstehen Verspannungen.
Nach der Nadelung von Blase 18 entspannte sich die gesamte Zone deutlich.
Das ist das Faszinierende an dieser Arbeit:
Manchmal löst ein einziger Punkt eine ganze Region.
Gürtelgefäß und außerordentliche Gefäße
Das Gürtelgefäß verläuft wie ein energetischer Gürtel um die Taille des Pferdes. Es verbindet Vorder- und Hinterhand.
Ist es blockiert, tritt das Pferd häufig nicht gut unter, wirkt instabil oder „fällt auseinander“.
Ich öffnete:
Gallenblase 41 (öffnet das Gürtelgefäß)
Dreifach-Erwärmer 5 (öffnet das gekoppelte Gefäß)
Innerhalb kurzer Zeit war das Gürtelgefäß wieder frei.
Dünndarm – Genick, Hals, Kiefer
Da Blase 27 weiterhin leicht reagierte, behandelte ich Dünndarm 1 links.
Der tendinomuskuläre Verlauf des Dünndarmmeridians zieht:
vom Kronrand
über Sehnenstrukturen
hinter die Schulter
zur unteren Halswirbelsäule
ins Genick
bis in den Kieferbereich
Und genau dort hatten wir zuvor Reaktionen gefunden.
Nach der Nadelung entspannte sich:
der fünfte Halswirbel
das Kiefergelenk
Gallenblase 20
Blase 27
Das ist keine Magie.
Das ist das systemische Verständnis von Meridianverläufen.
Warum Rückenschmerzen oft nicht „nur Rücken“ sind
Viele würden sagen: „Das Pferd hat Verspannungen im Rücken.“
Aber was steckt dahinter?
Milz-Qi-Mangel
Feuchtigkeit
Kälte
Leber-Qi-Stagnation
Dünndarm-Beteiligung
emotionale Komponenten
chronische Essenz-Schwäche
Rückenschmerzen sind häufig Ausdruck eines komplexen Musters.
Wenn Du nur lokal behandelst, verpasst Du das Ganze.
Der nächste Schritt – Die Wurzeltherapie
An diesem Tag habe ich ausschließlich Stagnationen gelöst.
Die Therapie der Tiefe – also:
Milz-Qi-Aufbau
Feuchtigkeitsausleitung
Unterstützung der Nierenessenz
langfristige Stabilisierung bei Asthma
– erfolgt in weiteren Sitzungen.
Hier arbeite ich selbstverständlich auch mit chinesischen Kräutern, die täglich gegeben werden und wie eine Mikroakupunktur wirken.
Eine Wurzeltherapie braucht Zeit. Und Geduld.
Was Du aus diesem Fall mitnehmen kannst
Dieser Fall zeigt Dir mehrere wichtige Prinzipien:
Behandle niemals mechanisch.
Höre dem Körper zu.
Öffne Stagnationen, bevor Du tonisierst.
Denke in Systemen, nicht in Symptomen.
Chronische Erkrankungen erfordern strukturiertes Vorgehen.
Die dargestellten Inhalte dienen der fachlichen Information und ersetzen keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Die Akupunktur und Kräutertherapie gehören in die Hände qualifizierter Therapeuten.
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Tina Doxtader
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